Den Helden das Wort: Jan Bredack von Veganz

Der Gründer des ersten veganen Vollsortiment-Supermarktes spricht mit uns über Persönliches, Veganz-bezogenes und Kosmopolitisches.

Herr Bredack, Sie waren bis vor wenigen Jahren Technischer Direktor bei Daimler-Benz.
Wie kamen Sie dazu, den veganen Supermarkt Veganz zu eröffnen?

Als Technischer Direktor war ich viel unterwegs und in vielen leitenden Funktionen. Als ich in eine Burnout-Phase geraten bin, habe ich mein ganzes Leben umgestellt. Noch bevor ich meine „Abschiedstour“ in Russland gemacht und dort noch ein Werk aufgebaut habe, habe ich mich innerlich von Daimler-Benz, von Macht- und Geldsymbolen, verabschiedet. Ich habe mein Leben radikal geändert. Veganz habe ich zu dieser Zeit schon erdacht.

Wie kam Ihnen die Idee zu Veganz?

Anfang 2009 bin ich vegan geworden. Beim Einkaufen kam ich viel in der Welt herum und habe festgestellt, dass es schon ziemlich schwierig und aufwendig ist, wenn man vegan einkaufen will. Aus dieser eigenen Motivation heraus ist die Idee geboren. Und ich habe festgestellt, dass es nichts Vergleichbares gibt. In Deutschland schon gleich dreimal nicht, aber auch in anderen Ländern, selbst in den USA gab es so etwas nicht.

Warum finden sich bei Veganz viele weitgereiste Produkte – braucht vegane Ernährung weite Wege?

Viele Zutaten, an die wir uns in unseren Breitengraden gewöhnt haben, wachsen hier nun mal nicht. Wir versuchen, den bestmöglichen Kompromiss zu machen. Gegen Handel ist per se nichts einzuwenden, wenn man auf die Nachhaltigkeitsaspekte auch im Herkunftsland achtet. Entscheidend ist für uns, dass es pflanzliche und sauber hergestellte Produkte sind. Wir versuchen natürlich, das Meiste in Bio-Qualität zu kriegen. Das ist meistens nicht regional. Unsere Transportwege werden aber zu 99% über Containerschiffe abgewickelt, sodass sie den Fußabdruck tierischer Produkte in keiner Weise aufwiegen. Sachen, die vermeintlich regional sind, werden auch oft mit Kokos verarbeitet, welcher vorher importiert wurde. Die pflanzliche Ernährung ist mit Sicherheit die nachhaltigste Ernährung für uns alle – ethisch, gesundheitlich, umweltschonend – und geht weit über „bio“ hinaus.

In Deutschland ist pflanzliche Ernährung heute ein großes Thema. In Asien, etwa in China, steigt hingegen die Nachfrage nach tierischen Produkten. Wie erklären Sie sich diese gegenläufigen Tendenzen?

Im Moment ist es wirklich so, in China ist Fleisch ein Wohlstandsthema. Man hat erfolgreich in den letzten 10 bis 15 Jahren gerade im asiatischen Raum Milch- und Fleischprodukte beworben und dort den Leuten `schmackhaft` gemacht. Das ist jetzt auch der Rettungsanker für die Fleischindustrie. Die Schlachtzahlen gehen hier ja hoch, während der Fleischkonsum in den europäischen Ländern zurückgeht. Nun wird exportiert wie verrückt. Es gibt die begründete Annahme, Krankheiten direkt an den Konsum von Fleisch zu knüpfen. Krankheiten tauchen jetzt in Regionen und bei den Oberschichten auf, die sich Fleisch und tierische Produkte leisten können, die es dort vorher gar nicht, oder nicht in der Häufigkeit, gab. Etwa Brustkrebs, Darmkrebs und Prostatakrebs. Ich hoffe, dass diese Art Konsum eine Tendenz ist, die allein durch diese Erkenntnisse schnell wieder zurückgeht.

Was macht Sie zufrieden?

Dass täglich Leute zu uns kommen und es jeden Tag neue sind. Die wenigsten davon sind ja vegan oder vegetarisch. Die träumen auch nicht davon, es morgen zu werden. Aber sie interessieren sich für die Lebensweise und die Produkte. Es ist so ein Prozess, der da läuft. Selber haben wir das auch festgestellt. Es beginnt, wenn man einmal damit anfängt, zu hinterfragen: Was liegt auf meinem Teller? Warum liegt das da und was bedeutet das? Was würde sein, wenn da was anderes läge? Was gibt es für Alternativen? Es wird gar nicht als Trend bezeichnet, es findet einfach ein Bewusstseinswandel statt. Das merke ich auch in der Generation 50 plus. Wir sind ja erst am Anfang, wir sind noch immer in einem Mikrokosmos. Mit jedem neuen Markt gibt es da neue Glücksgefühle bei mir.

Und was regt Sie auf?

Das Kleinkarierte, gerade in den Unternehmen. Dass man sich gegenseitig Beine stellt und das Leben schwer macht mit irgendwelchen Schuldzuweisungen. Gerade in der Community ist der Neid sehr stark. Dabei ist der Kuchen so groß, der wird gerade erst gebacken. Doch die Verteilungskämpfe finden jetzt schon statt. Man merkt, dass sehr viele Leute dort vorher noch nicht so viel mit Business zu tun hatten. Da passiert viel aus Idealismus heraus und werden Viele schnell emotional. Das hilft aber der Sache nicht. Man muss viele Dinge auch rein wirtschaftlich betrachten und den Fokus mal ein bisschen weiter machen. Dieses engstirnige und kurzsichtige Denken geht mir ziemlich auf den Sender. Aber ich habe mir angewöhnt, solche Machenschaften zu ignorieren, weshalb wir oft auch angefeindet werden.

Haben Sie einen Tipp für JungunternehmerInnen, die öko-sozial handeln wollen?

Das Projekt kann noch so idealistisch sein und vom Herzen kommen, es wird nicht unprofessionell und ohne die wirtschaftlichen Grundlagen erfolgreich werden. Das muss sich jeder klarmachen. Sonst landet man schnell auf der Nase. Diesen Spagat machen wir jeden Tag: auf der einen Seite wirtschaftlich arbeiten, auf der anderen sozialverträglich, ethisch sauber. Nur mit Idealismus funktioniert es leider nicht.

Was möchten Sie künftigen Generationen mitgeben?

Meinen Kindern möchte ich ein Bewusstsein für ihre Umwelt, insbesondere auch für anderes Leben, vermitteln. Das hört sich hochtrabend an, es ist aber tatsächlich bei vielen von uns nicht so ausgeprägt. Ich merke das bei Tierschützern, die stark darauf aus sind, jedes Tierleben zu retten, was ich völlig in Ordnung finde, bei der nächsten Gelegenheit aber anderen Menschen eine auf die Glocke hauen. Ist man zu radikal auf etwas fokussiert, fehlt das Gefühl für anderes Leben. Das versuche ich meinen Kindern mitzugeben: Eine Achtung vor dem Leben, vor der Natur, das wir damit behutsam und schonend umgehen. Und nicht so, wie wir gerade unterwegs sind.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!